Chefdirigent

Johannes Klumpp

Johannes Klumpp ©Peter Gwiazda

Orchesterchef, Musikvermittler, Festivalleiter – seit seinen Wettbewerbserfolgen als junges Talent am Pult hat sich Johannes Klumpp in vielerlei Hinsicht einen Namen gemacht. Schon seit der Saison 2013/2014 arbeitet Johannes Klumpp als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Folkwang Kammerorchesters Essen. Seitdem konnte er die Aufmerksamkeit für das Orchester kontinuierlich steigern und dessen Profil schärfen. Den Schwerpunkt seiner Arbeit hier bildet das sinfonische Werk von Wolfgang Amadeus Mozart. Nicht zuletzt dank der von der Fachpresse gefeierten Einspielungen seiner Sinfonien und Konzerte konnte Johannes Klumpp die Wahrnehmung und
Profilierung des Ensembles enorm steigern. Der Dirigent, der sein Handwerk unter Prof. Nicolás Pasquet und Prof. Gunter Kahlert in Weimar erlernte, machte 2007 mit einem 2. Platz beim Dirigentenwettbewerb Besançon erstmals international auf sich aufmerksam. Es folgten Auszeichnungen beim Deutschen Hochschulwettbewerb in memoriam Herbert von Karajan, sowie 2011 beim Deutschen Dirigentenwettbewerb. Meisterkurse bei namhaften Dirigenten wie Kurt Masur, Gennady Rozhdestvensky und Michail Jurowski rundeten seine künstlerische Ausbildung ab, während derer Johannes Klumpp als Maestro von Morgen vom Deutschen Musikrat gefördert wurde.

Neben seiner Arbeit in Essen arbeitet Johannes Klumpp seit 2020 auch als Künstlerischer Leiter der Heidelberger Sinfoniker, wo er unter anderem mit einer Gesamteinspielung aller Sinfonien Joseph Haydns beschäftigt ist. Eine rege Konzerttätigkeit führt ihn zudem zu renommierten Orchestern, darunter das MDR Sinfonieorchester, das Staatsorchester Stuttgart, die Weimarer Staatskapelle, die Düsseldorfer Symphoniker, die Dresdner Philharmonie, das Dresdner Festspielorchester, das Orquesta Ciudad de Granada, das Thailand Philharmonic Orchestra, die NDR Radiophilharmonie Hannover oder das Stuttgarter Kammerorchester. Eine intensive Zusammenarbeit verbindet ihn auch mit dem Hessischen Staatstheater Wiesbaden, wo Johannes Klumpp in verschiedenen Opernproduktionen reüssierte. Um den Dialog mit dem Publikum zu fördern nutzt Johannes Klumpp regelmäßig die Form des moderierten Konzertes. Er ist überzeugt: „In der heutigen Zeit müssen wir den Menschen den Weg zu dem, was wir so sehr lieben, zeigen. Sie über die Schwelle führen.“

Interview mit Johannes Klumpp

Lieber Herr Klumpp,

– Welche Assoziationen haben Sie, wenn Sie an das FKO denken?

Ich sehe die Menschen vor mir, ich spüre die Dynamik des Musizierens, höre die differenzierten und nuancierten Klänge – und fühle mein eigenes musikalisches Glück. 

– Welche Entwicklung hat das FKO seit ihrer ersten Begegnung/ in ihrer Begleitung gemacht und in wie könnte eine mögliche Entwicklung in der Zukunft aussehen?

Sehr viel ist passiert. Ich glaube, das Orchester hat sich in Intensitätsdichte, in musikalischer Qualität sehr kontinuierlich gesteigert. Das Orchester ist in den Formaten viel innovativer, viel spannender geworden, wir haben auch mehr und durchmischteres Publikum. Die Gäste sind, gerade auch im Barockbereich, sehr hochklassig geworden, die Solisten sind erste Sahne… Auch das äußere Erscheinungsbild, die Organisationsstruktur, alles hat eine Evolution durchlaufen. Und die muss weitergehen. Leider ist das Thema der finanziell misslichen Situation geblieben. Wir hatten gerade das Gefühl eines finanziellen Aufschwungs, der ist nun nach Corona aber wieder. Das wieder auf die richtigen Füße zu stellen, um künstlerische Träume wahr werden zu lassen, ist Hauptherausforderung der Zukunft.

– Sie haben nicht nur ein Dirigierstudium beschritten, sondern auch Bratsche studiert. Hat sich ihr Interesse, wieder einmal als Musiker die Konzerte zu beschreiten, nach einigen Jahren als Dirigent verändert?

Ich habe, um ehrlich zu sein, Bratsche nebenbei studiert, um ein noch besserer Dirigent zu werden. Ich habe aber in den letzten Jahren die Bratsche nur einmal jährlich in der Hand gehabt, mit Freunden bei Kammermusik, zurzeit ist nicht einmal mehr das gegeben. Vielleicht ist das ja aber auch besser so, man wird ja nicht besser, wenn man nicht übt… (lacht)

– Wie sieht ihr Alltag innerhalb und außerhalb der Kunst aus?

Alltag? Gibt es nicht so wirklich. Da gibt es die Zeit in den Projekten, normalerweise starte ich den Tag mit Sport, Dusche, Frühstück. Dann eine Stunde in der Partitur – Memorieren nenne ich das. Weg zur Probe, Probe, Mittagessen, zweite Probe. Und dann müssen Moderationen geschrieben werden, muss Orchestermaterial eingerichtet werden, Emails beantwortet werden, Wege müssen zurückgelegt werden, Bücher müssen oder möchten gelesen werden, CDs abgehört werden, Booklets geschrieben werden, zukünftige Programme entworfen werden, natürlich weiterlernen, weiterlernen, weiterlernen – und natürlich Interviews gegeben werden.

Mein Tag ist ziemlich genau durchgeplant, ich habe eine Wochenliste mit Dingen, die ich machen möchte – und dann für jeden Tag eine genaue terminierte Liste, dass ich mein Pensum auch schaffe. 

Und wenn ich nicht „in der Musik“ bin, versuche ich Zeit, mit meinen beiden Töchtern zu verbringen. Momentan beschäftigt mich die weltweite politische Situation sehr, meine beiden Kinder haben eine Urgroßmutter in der Ukraine, da ist das nahe. Und wenn ich wirklich mal Ablenkung brauche, schaue ich gerne Fußball.

– Hören Sie sich manchmal andere Musik an?

Klar, andere Musik: nicht nur Mozart, auch Beethoven, Brahms, Bruckner und Mahler… (lacht) Ich die Frage war wohl anders gemeint. Als Teenager war ich großer Fan von Lenny Kravitz, Teile der Lieder der Fantastischen Vier kannte und kann ich teils noch auswendig. Jetzt bekomme ich natürlich mit der neueren Musik durch meine ältere Tochter in Kontakt und muss sagen, dass mir manches gefällt: Sia hat tolle Lieder, Imagine dragons oder Måneskin haben schon eine tolle Kraft, auch mit Taylor Swift schafft es meine Tochter, mich zum Off-Shaken zu bringen. Ich bin ein körperlicher Musiker, das bleibt nicht bei stilistischen Grenzen stehen. 

– Wie halten Sie nach intensiven Arbeitsphasen inne?

Ich glaube, ich habe sehr viel Energie in mir. Solange ich arbeite. Und dann komme ich nach Hause – und dann habe ich ein so riesiges Schlafbedürfnis, meistens am übernächsten Tag. Am ersten Tag nach einem Projekt fühle ich mich immer noch sehr fit und will hundert neue Dinge anpacken. Und dann kommt der nächste Tag, ich stehe mit den Kindern auf, bin aber um 9 für den ersten Mittagsschlaf wieder weg. Und dann kommt der nächste gegen Mittag – und dann schlafe ich gegen 16 Uhr nochmal ein, während ich vorlese…! Rabenvater. Dann gehe ich früh ins Bett und am dritten Tag kann ich wieder in die Zukunft denken. Also: Im Schlafen bin ich wirklich sehr gut!

Prinzipiell habe ich aber so viele, verschiedenartige, spannende Aufgaben, dass ich den Ratschlag meines Vaters gut befolgen kann: sich von der einen Arbeit von der anderen Arbeit zu erholen. 

– Lauschen Sie manchmal dem Klang der Umgebung? Suchen Sie bewusst Musik um sich herum?

Im Normalfall höre ich keine Musik in meinem Alltag. Musik absorbiert meine Aufmerksamkeit. Entweder ich höre oder ich mache etwas anderes, es würde mich ständig ablenken, wenn ich was zu tun habe. Wenn ich mich wirklich konzentrieren will, mache ich manchmal Stöpsel ins Ohr, ich liebe das Schweigen.

– Wie würden sie ihren Dirigier-Stil beschreiben?

Ich glaube, ich bin ein körperlicher Mensch, ich brauche die Motorik der Musik, ich brauche den Grove, darum kommt dieses Element in meinem Mozart vielleicht auch so stark zum Ausdruck. Das Lebendige, das Nuancierte, das Sprudelige. Und es kommt dann aus mir raus, möglichst ganz und vielschichtig. Es ist aber schwer, über sich zu sprechen. Ich entscheide mich ja zum meisten nicht bewusst, ich sage ja nicht: Ich will mich jetzt irgendwie besonders bewegen. Oft passiert das, wenn man sich am wenigsten kontrolliert, wenn man ganz und gar loslässt, wenn man sich vergisst…

– Sie machen immer einen sehr offenen und kommunikativen Eindruck. Was versuchen Sie dabei sowohl bei den Zuhörern als auch bei den Musikern zu bewirken?

Ich glaube, das Publikum hört anders, intensiver, aufmerksamer zu, wenn es so ein paar kleine Hörhilfen an die Hand bekommen hat. Das melden die Menschen ja auch zurück, besonders solche Menschen, die keine so große Klassik-Erfahrung haben. Eines der schönsten Komplimente, die ich mal bekommen habe, war: „Ich dachte immer, dass Klassik nichts für mich sei – und seit ich bei Ihnen bin, weiß ich, dass es genau meins ist“. Ich will ja nicht einen intellektuellen Zugang legen, sondern einen intensiveren.

Ich habe auch das Gefühl, dass die Trennung zwischen Bühne und Publikum sich etwas auflöst. Es wird mehr ein „wir“ im Musikgenuss. Und auch die Musiker hören ja zu und versuchen dann oft, bestimmte Strukturen oder bestimmte Stimmungen besonders hervorzuheben. Und das ist dann bestimmt auch ein noch intensiveres Musizieren.

– Wenn sie das Wort „Mozart“ hören, welche drei Schlagwörter kommen Ihnen in den Kopf?

Vielschichtig, menschlich, großartig.

– Woher kommt Ihre Expertise für das Werk Mozarts?

Es ist ein Kosmos, in den ich mich mit jedem Konzert wieder hineinbegebe. Und jedesmal treffe ich wieder auf Musik, die mich begeistert und berührt und überrascht. Und jedesmal lese ich wieder etwas, was neue Fragen aufwirft und mich zum Weiterlesen und Weiterforschen zwingt. Und wenn man das über Jahre macht, bekommt man irgendwann so ein Koordinatensystem, dass man eine Partitur aufmacht – und sie springt einen an.

– Welches Repertoire begeistert Sie am meisten?

Schon die Großen. Natürlich Mozart, aber ich habe mich in den letzten Jahren auch viel mit Haydn beschäftigt und auch das begeistert mich unglaublich. Ganz anders, aber zutiefst. Und wenn ich Beethoven dirigiere, fühle ich mich ganz klein gegen seine unglaubliche innere Energie. Vor Brahms und seinem tiefen Reichtum gehe ich in die Knie. Auch Bruckner in seiner Größe trifft mich tief – und Mahler in seiner Dichte und Intensität. Das wäre vielleicht so das Sechsgestirn meines Lebens. Relativ konservativ, aber so ist es halt.

– Gibt es Werke, die Sie besonders mitnehmen und was sind die Besonderheiten an diesen Werken?

Es ist das Mozart-Requiem, das ich noch nie dirigiert habe – Corona zum Opfer gefallen – irgendwann ist das fällig. Es ist ein ganz wichtiges Stück für mich. Und Mahlers Neunte muss ich irgendwann mal irgendwo dirigieren… Beide Werke sind existentiell, laufen aufs Ende zu.

– Gibt es Werke, in welchen „ihr“ Orchester besonders aufgeht und was sind die Besonderheiten?

Naja, ich glaube ja in der Tat, dass es nur ganz wenige Ensembles weltweit gibt, die Mozart auf ähnlichem Niveau wie das FKO spielt. Und als wir letztens Beethovens Sinfonien spielten, so nuanciert, so stark, so vielgestaltig, da dachte ich auch: Bekomme ich das jemals wieder so gut?

– Bringt Ihr Beruf auch physisch oder psychische Belastungen mit sich?

Ich bin Gott sei Dank in beiden Hinsichten ziemlich belastbar. Man ist ziemlich viel weg von zuhause, sich von den Kindern zu verabschieden, um wieder zu einem Projekt zu fahren, ist das schwierigste. 

– Was würden sie jungen Musikern auf dem Weg geben?

Tue, was Du wirklich willst – und tue es intensiv und mit Haut und Haar. Es gibt viele Wege zum Glück, aber die Intensität des Weggehens sollte hoch sein.

– Ihr Ziel ist die Gesamteinspielung des sinfonischen Gesamtwerkes Mozarts. Warum haben Sie entschieden, diese mit dem Folkwang Kammerorchester Essen und nicht mit einem anderen Orchester umzusetzen?

Hier bin ich Chefdirigent, hier habe ich mein Ensemble, dieses Ensemble hat eine besondere Fähigkeit: Mozart. Zuerst wollte ich einfach dokumentieren, dass die Welt mitbekommt, was wir hier machen. Es kann ja nicht jeder immer in die Villa Hügel kommen. Und daraus kam dann der Wunsch, das ganz große Gebirge zu besteigen. Und wir sind dran – und die bisherigen Ergebnisse machen uns glücklich.

– Im FKO kommen laut Statuten immer wieder neue Musiker*innen dazu, stetig verlassen Mitglieder das Ensemble, da sie Stellen in Berufsorchestern erspielen. Macht das die stilistische Arbeit nicht besonders herausfordernd für einen Dirigenten?

Ja, das denkt man immer. Aber das Positive, dass man hochmotivierte, hochveranlagte, sich auf dem Höhepunkt ihrer Ausbildung befindliche, unvoreingenommene, junge, wilde Musiker vor sich hat, überwiegt bei weitem. Die entgegenschlagende Flexibilität, die Offenheit, der Arbeitswille sind so überwältigend, die Musiker adaptieren sich wahnsinnig schnell:  ich brauche auch in größeren Umbrüchen nur ein paar Minuten, und wir haben wieder unseren „FKO-Mozart“ oder „FKO-Beethoven“ oder „FKO-XY-Klang“. Man muss natürlich wissen, was man möchte, aber dann kommt es sehr schnell bei einer solchen Qualität.

– Was bringen junge Musiker*innen mit ins Ensemble, und was geben Sie ihnen mit auf den Weg, wenn sie weiterziehen?

Sie bringen ihr Können, sie bringen Ihren Willen, Ihre ganzen Persönlichkeiten. Nur dann kann es funktionieren. Und sie bekommen Erfahrungen, gar nicht nur durch mich, sondern auch voneinander. In völlig anderem Zusammenhang habe ich neulich gelesen: Mindestens genauso wichtig wie von wem man lernt, sei, mit wem man lernt. Das bereichert. Musik auf dem allerhöchsten Niveau zu machen, formt und prägt.

– Haben Sie ein Gespür dafür, welche Gastdirigent*innen gut fürs Orchester passen/sind?

Ganz prinzipiell: Diejenigen, die etwas zu sagen haben und wissen, wie sie es sagen. Und jeder hat etwas anders zu sagen und eine andere Art, das nach außen zu bringen. Aber es muss eben substanziell sein und authentisch. 

– Verfolgen Sie die Laufbahn ehemaliger Orchester-Mitglieder und/oder auch ehemaliger Gastkünstler/Solisten?

Ja, unbedingt. Und auf einige bin ich richtig stolz. Die Identifikation bricht ja nicht ab mit dem Verlassen des Ensembles. Und heutzutage sind wir ja glücklicherweise so vernetzt, dass man immer wieder was mitbekommt. Und auch die Solisten und Gastdirigenten behält man im Auge. Und natürlich ist es fantastisch zu sehen, dass Menschen, die bei uns ihre frühen Schritte gemacht haben, dann in höchsten Sphären entschweben.

– Was war eine der spannendsten Erfahrungen, die Sie bisher mit dem Ensemble hatten?

Es ist schwer, einzelne Erlebnisse zu machen. Wir hatten eine solche Vielzahl an musikalisch selig machenden Momenten, ich kann da kein einzelnes hervorheben. Aber das Besondere ist sicherlich, dass man mit diesem Orchester „tiefgraben“ kann, es gibt keine Momente der Erschöpfung in den Proben. Jeder will noch besser, noch intensiver, noch nuancierter. Was kann es Schöneres geben.

– Was bedeutet Glück für Sie?

Künstlerisches Glück ist, wenn man die Zeit, sich selbst und die Welt vergisst und ganz und gar im musikalischen Moment lebt. Privates Glück finde ich im Kreise der Familie. 

– Und was bedeutet Glück, künstlerisch mit jungen Leuten wie denen im FKO arbeiten zu dürfen?

Nach dem Absoluten zu streben – und damit die Grundlagen zu legen, dort auch ab und zu anzukommen, ist ein riesengroßes Privileg.

 

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