Chefdirigent

Johannes Klumpp

Orchesterchef, Musikvermittler, Festivalleiter – seit seinen Wettbewerbserfolgen als junges Talent am Pult hat sich Johannes Klumpp in vielerlei Hinsicht einen Namen gemacht. Der 1980 in Stuttgart geborene Dirigent, der neben einem Violastudium sein Handwerk unter Prof. Nicolás Pasquet und Prof. Gunter Kahlert in Weimar erlernte, machte 2007 mit einem 2. Platz beim Dirigentenwettbewerb Besançon erstmals international auf sich aufmerksam. Es folgten Auszeichnungen beim Deutschen Hochschulwettbewerb in memoriam Herbert von Karajan, bei dem er sowohl mit dem Ersten als auch einem Sonderpreis geehrt wurde, sowie 2011 beim Deutschen Dirigentenwettbewerb.Meisterkurse bei namhaften Dirigenten wie Kurt Masur, Gennady Rozhdestvensky und Michail Jurowski rundeten seine künstlerische Ausbildung ab, während derer Johannes Klumpp als Maestro von Morgen vom deutschen Musikrat gefördert wurde.
Inzwischen führt eine rege Konzerttätigkeit Johannes Klumpp zu renommierten Orchestern, darunter das Konzerthausorchester Berlin, die Düsseldorfer Symphoniker, die Dresdner Philharmonie, das WDR Funkhausorchester Köln, das Staatsorchester Stuttgart, das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München, die Münchener, Stuttgarter und Nürnberger Sinfoniker, das Russian Philharmonic Orchestra sowie die Kammerakademie Potsdam. Seine jüngste Einspielung mit dem Stuttgarter Kammerorchester und dem Fagottisten Matthias Rácz mit Werken von Françaix, Tomasi, Jolivet und Villa-Lobos erhielt von der Kritik höchstes Lob.

Seit der Saison 2013/2014 arbeitet Johannes Klumpp als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter mit den jungen Musikern des Folkwang Kammerorchesters Essen. Seitdem konnte er die Aufmerksamkeit für das Orchester kontinuierlich steigern und dessen Profil schärfen. Dabei legt Klumpp einen besonderen Schwerpunkt auf Wolfgang Amadeus Mozarts Musik, der das Folkwang Kammerorchester Essen eine ganze Konzertreihe widmet, welche auch in der Saison 2017/2018 fortgeführt wird. Im Rahmen der Reihe ExtraKlang – inzwischen veranstaltet im UNSECO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein – entwickelt Klumpp innovative Programmformate und stieß unter anderem Kooperationen mit bekannten Persönlichkeiten wie dem Publizisten Roger Willemsen, dem Schauspieler Rufus Beck oder aktuell dem Komponisten und Pianisten Hauschka an.
Auch die Form des moderierten Konzertes nutzt Johannes Klumpp regelmäßig, um den Dialog mit dem Publikum zu fördern. Er ist überzeugt: „In der heutigen Zeit müssen wir den Menschen den Weg zu dem, was wir so sehr lieben, zeigen. Sie über die Schwelle führen.“ Dies gelingt äußerst eindrücklich in Sachsen-Anhalt, wo er 2013 zum Künstlerischen Leiter der Sommer Musik Akademie Schloss Hundisburg ernannt wurde. Zusammen mit seinem Team ermöglicht er herausragende Musikerlebnisse in einem ländlichen Umfeld, fern der Kulturmetropolen.

Interview mit Johannes Klumpp

Lieber Herr Klumpp, erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit dem Folkwang Kammerorchester Essen?
Ja, das war ein Mozart-Programm im Januar 2011. Ich erinnere mich, dass ich nach dem letzten Konzert im Auto nach Hause gefahren bin und dachte: „Mensch, wie unheimlich kann dieser Beruf Spaß machen!“. Diese Freude beim Spielen, diese Motivation, etwas Besonderes zu erreichen, diese Spitzigkeit – das kann schon glücklich machen!

Lieber Herr Klumpp, wie würden Sie das Orchester charakterisieren?
Ich mag die Mischung aus dem Freudvollen, der Liebe zur Musik, dem Spaß am Spielen einerseits – und der tiefen Ernsthaftigkeit, der Hingabe und dem Arbeitseifer andererseits!

Was kann „Ihr“ Orchester besonders gut?
Naja, wir bemühen uns, jeder Musik ihr selbst gemäß gerecht zu werden. Dass man Mozart wie Mozart spielt, Bach wie Bach spielt, Tschaikowski wie Tschaikowski, Bartok wie Bartok, und Schnittke wie Schnittke. Dass man für jeden Komponisten eigentlich eine eigene Art zu spielen entwickelt. Da sind die Einflüsse der Historischen Aufführungspraxis natürlich enorm wichtig, die gerade auch durch die Person von Reinhard Goebel einfließen. Das färbt dann natürlich auch ab auf Mozart, bei dem ich empfinde, dass es eigentlich nur wenige Orchester in Deutschland gibt, die ihn so frisch und mitreißend spielen können wie das FKO!

Was ist das größte Glück für einen Dirigenten in seiner künstlerischen Arbeit?!
Der Dirigent wäre ohne Orchester wirklich nichts. Man zerteilt ja am Ende nur die Luft. Also braucht man die Musiker, die den Klang machen, die die Emotionen, die man meint, in der Musik entdeckt zu haben, wirklich werden lassen. Und wenn man dann ein Ensemble vor sich hat, das ohne wenn und aber mitzieht während der Proben – und dann das Erarbeitete im Konzert explosiv auf den Punkt bringt – ich glaube, das ist das größte Glück!

Wo sehen Sie das FKO in 5 Jahren?
Ich arbeite und denke nicht so sehr in konkreten Zielen und Stufen. Für mich ist die Arbeit und das Leben immer Weg, immer Entwicklung. Entsprechend wünsche ich mir, dass wir den Weg, den wir seit einem Jahr gehen, genauso radikal weiter gehen: dass wir weiterhin neue, spannende Konzertformen und -inhalte entwickeln, dass die Qualität des Orchesters noch weiter steigt – und auch, dass das Publikum den Weg mit wachsendem Interesse begleitet.

Gibt es aktuell Pläne/Ziele, die Sie auf Ihrer Wunschliste haben?!
Seiten voll! (lacht) Erst einmal muss man sagen, dass ich glücklich bin, dass die unmittelbare Bedrohung, die direkt vor meinem Amtsantritt für das Orchester bestand, nicht mehr so akut ist und die politische Unterstützung da ist. Und dass der Verein der Freunde und Förderer sich eines solchen Wachstums erfreut, ist natürlich auch schön. So wünsche ich mir, dass das so weitergeht, denn ohne diese Unterstützung geht gar nichts. Bei uns sprudeln ganz viele Ideen, bei jeder Idee muss man sich natürlich fragen, lässt sich das umsetzen? Lässt sich das finanzieren? Aber ich bin optimistisch, auch in Zukunft spannende Programme, spannende Formate realisieren zu können!

Sie haben neben dem Dirigierstudium auch Bratsche studiert. Würden Sie gerne noch einmal den Platz wechseln und wieder als Musiker Konzerte bestreiten oder bedeutet Ihnen das Dirigat “die Welt” bzw. das Nonplusultra?
Ich glaube, ich dirigiere wesentlich besser als dass ich bratsche. Manchmal, wenn ich Kammermusik höre, so ein Schubert- oder Beethoven-Quartett, da kitzelt es mich schon etwas in den Fingern – und wenn ich alle Schaltjahre mal ein Instrument wieder in die Hand bekomme, und es klappt wider Erwarten gut, dann kommen die alten, unbedingten, radikalen Gefühle der Jugend wieder hoch, dann rührt mich das ziemlich. Aber meistens bin ich frustriert, weil es nach Jahren der Nicht-Übung einfach nicht mehr ordentlich klappen will. Also: ich fühle mich dort, wo ich mich befinde, schon relativ gut aufgehoben. Ich habe momentan nicht mal mehr eine Bratsche, weil ich auf einem Leihinstrument studiert habe – das wäre auch noch was, von wegen Wunschliste… (lacht)!

Sie haben eingeführt, dass beim FKO seit Ihrem Amtsantritt alle Konzerte moderiert sind.
Ja, ich mache immer die Erfahrung, dass das Publikum die Musik noch intensiver aufnimmt, wenn es davor ein wenig „Hörhilfe“ bekommen hat. Egal bei was: wenn man sie bei Mozart auf kontrapunktische Verästelungen aufmerksam macht, wenn man erzählt, dass die Musik witzig gemeint ist und worin der Humor besteht – dann müssen die Leute ja nicht die ganze Zeit ernst schauen. Und hingegen wenn man den Menschen sagt, dass der Komponist in Wissen seines nahenden Todes komponiert hat, da hat man dann ein Publikum mit wesentlich größeren Ohren sitzen. Das merkt man auf der Bühne schon total. Und schließlich ist es ganz einfach so, dass ich das, was ich tue, so liebe! Und dass ich das, was ich liebe, einfach irgendwie noch näher an die Menschen heranbringen möchte.

Welche Werke reizen Sie besonders? Gibt es “Perlen” der Kammerorchestermusik, die Sie den Musikern, dem Publikum, und nicht zuletzt sich selbst erschließen möchten?
Na, dass wir vor kurzem das Adagio von Lekeu gemacht haben, war für mich so was: ich höre das, es trifft mich „aus heiterem Himmel“, ich setze es aufs Programm, das Orchester ist absolut elektrisiert und das Publikum kommt danach und berichtet, zu Tränen gerührt zu sein. Das ist natürlich schön! Ich könnte mich aber auch ohne Ende begeistern für die frühen Mozart-Sachen. Mein Gott, was für ein begabter Kerl! Ich liebe es, ihm dabei zuzuschauen, wie er sich entwickelt, wie er zu „Mozart“ wird und auf diesem Weg so tolle Sachen macht. Insgesamt sind meine persönlichen „Wunschperlen“ sehr breit gestreut. Es gibt da auch im 20. Jahrhundert herrliche Stücke, denen man sich als Hörer absolut nicht entziehen kann. In dieser Spielzeit ist das beispielsweise die „Vox amoris“ von Vasks. Kennt kein Mensch. Aber da werden die Menschen wieder weinen – und ich hoffentlich auch.